Wien hat eine neue Zwischenbilanz zur geförderten Wohnhaussanierung vorgelegt. Nach Angaben der Stadt wurden im ersten Halbjahr 2026 rund 100 Sanierungsprojekte mit mehr als 2.600 Wohnungen fertiggestellt. Die dazu genannten Gesamtbaukosten belaufen sich auf 85 Millionen Euro, die Förderung auf insgesamt 44 Millionen Euro. Davon entfielen 33 Millionen Euro auf Landeszuschüsse und 11 Millionen Euro auf Landesdarlehen. Weitere 267 geförderte Sanierungsprojekte befanden sich zum Zeitpunkt der Mitteilung in Bau.
Die am 20. September 2026 veröffentlichte Bilanz ist vor allem deshalb relevant, weil sie nicht nur Fördersummen nennt. Am Beispiel eines Gründerzeithauses in der Iglaseegasse 37 in Wien-Döbling zeigt die Stadt, welche technischen und baulichen Schritte bei einer umfassenden Bestandssanierung zusammenspielen können. Für Sie als Eigentümerin oder Eigentümer, Mitglied einer Wohnungseigentümergemeinschaft oder Hausverwaltung liefert das Projekt damit eine Orientierung. Es ist jedoch kein allgemeingültiger Bauplan: Ob eine Lösung technisch möglich und förderbar ist, muss immer für das konkrete Gebäude geprüft werden.
Was die Wiener Halbjahresbilanz aussagt
Die Stadt führt die fertiggestellten Projekte im Rahmen ihrer Offensive „Wir SAN Wien“ an. Neben den rund 100 abgeschlossenen Vorhaben meldet sie mehr als 2.710 Beratungen durch die Hauskunft im ersten Halbjahr 2026. Bei 76 Veranstaltungen seien mehr als 1.380 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreicht worden. Diese Werte stammen von der Stadt Wien und dem wohnfonds_wien. Eine unabhängige Evaluierung der Energieeinsparungen, der Kostenentwicklung oder der Auswirkungen auf die Mieten ist mit der Mitteilung nicht verbunden.
Für die Einordnung ist diese Trennung wichtig. Die Zahlen belegen, in welchem Umfang Projekte abgeschlossen, Fördermittel eingesetzt und Beratungsleistungen genutzt wurden. Sie erlauben aber keine pauschale Aussage darüber, wie stark der Energiebedarf jedes Gebäudes gesunken ist oder welche Lösung für ein anderes Haus wirtschaftlich wäre. Gerade im dicht bebauten Bestand hängen Planung und Kosten von Baualter, Zustand, Eigentumsstruktur, technischen Flächen, Denkmalschutz, Genehmigungen und der möglichen Wärmequelle ab.
Iglaseegasse: Geothermie im Gründerzeithaus
Das Haus in der Iglaseegasse 37 wurde 1908 errichtet und umfasst einen Straßen- sowie einen Hoftrakt. Die Sanierung startete laut Stadt im Mai 2026. Herzstück des Energiekonzepts ist ein Anergienetz mit vier Tiefenbohrungen auf öffentlichem Grund. Auch das Nachbarhaus soll daran angeschlossen werden. In den 13 Wohnungen ersetzen lokale Booster-Wärmepumpen die bisherigen Gasthermen. Sie sollen Heizung, Warmwasser und Kühlung übernehmen. Je nach Wohnung sind Heiz- und Kühldecken oder Fußbodenheizungen vorgesehen.
Das Projekt kombiniert die Umstellung der Wärmeversorgung mit Maßnahmen an der Gebäudehülle. Genannt werden die Dämmung der hofseitigen Fassaden, der Innenhöfe, der Feuermauer und des Flachdachs beim Hoftrakt, neue Wärmeschutzfenster, eine extensive Dachbegrünung sowie außenliegender Sonnenschutz an der Südfassade. Eine Photovoltaikanlage auf dem Flachdach soll Strom für das Haus bereitstellen. Die letzten Wohnungen der Ausstattungskategorie C werden im Zuge der Arbeiten auf Kategorie A angehoben.
Gerade diese Kombination ist die wesentliche Botschaft des Beispiels. Eine Heizungsumstellung lässt sich bei einem älteren Mehrparteienhaus nicht isoliert betrachten. Wärmebedarf, mögliche Vorlauftemperaturen, Wärmeabgabe in den Wohnungen, sommerlicher Hitzeschutz und Stromversorgung greifen ineinander. Auch die Nutzung des öffentlichen Grunds für Tiefensonden und die Einbindung eines Nachbargebäudes zeigen, dass solche Vorhaben technische Planung und Abstimmung über die eigene Liegenschaft hinaus erfordern können.
Was Eigentümerinnen und Eigentümer daraus ableiten können
Wenn Sie eine Sanierung vorbereiten, sollten Sie nicht mit einem einzelnen Produkt beginnen, sondern mit dem Zustand und dem langfristigen Ziel des Gebäudes. Die kostenlose Hauskunft berät in Wien zu Gebäudehülle, umweltfreundlichen Energiesystemen, Barrierefreiheit, Wohnkomfort, Sommertauglichkeit sowie Bundes- und Landesförderungen. Angeboten werden eine erste Orientierungsberatung, ein Zukunfts-Check vor Ort und Beratung zur Erstellung eines Sanierungskonzepts.
Bei geförderten Sanierungen von Wohnhäusern mit mindestens drei Wohneinheiten nach der Sanierung ist der wohnfonds_wien die zentrale Anlaufstelle. Sanierungen einzelner Wohnungen sowie von Ein- und Zweifamilienhäusern werden laut wohnfonds_wien über die Magistratsabteilung 50 abgewickelt. Für die erste Einreichung bei größeren Häusern nennt die Serviceseite unter anderem einen aktuellen Grundbuchauszug, eine Topographie beziehungsweise Mietzins- oder Eigentümerliste, erforderliche Vollmachten und – soweit schon vorhanden – Pläne, Bauaufträge und Kostenvoranschläge.
Der wichtigste Verfahrenshinweis lautet: Die Förderung ist vor Baubeginn zu beantragen. Eine frühzeitige Beratung kann daher verhindern, dass Sie förderrelevante Fristen oder formale Anforderungen übersehen. Klären Sie außerdem, welche Beschlüsse in der Eigentümergemeinschaft erforderlich sind, ob Genehmigungen für Bohrungen oder Änderungen am Gebäude nötig werden und wie die Belastung während der Bauphase organisiert wird. Eine positive Projektbilanz der Stadt ist keine Förderzusage für Ihr Vorhaben.
Welche Fragen noch offenbleiben
Zur Iglaseegasse nennt die Stadt weder die konkreten Projektkosten noch die Höhe der Förderung, den geplanten Fertigstellungstermin oder erwartete Verbrauchswerte nach Abschluss. Auch mögliche Auswirkungen auf laufende Wohnkosten werden nicht beziffert. Diese Punkte sollten Sie bei vergleichbaren Projekten in einer Variantenrechnung transparent machen lassen. Dazu gehören Investitionskosten, Förderannahmen, Betriebskosten, Instandhaltung, Lebensdauer der Technik und realistische Energiepreise.
Die neue Bilanz zeigt dennoch, dass die geförderte Sanierung des Wiener Gebäudebestands in erheblichem Umfang läuft und technische Lösungen wie Geothermie auch im Gründerzeitbestand eingesetzt werden. Für Ihr eigenes Gebäude ist der nächste sinnvolle Schritt eine unabhängige Bestandsaufnahme mit klaren Zielen. Erst danach lässt sich beurteilen, ob eine umfassende Sanierung in einem Zug, eine abgestimmte Etappenlösung oder eine andere Wärmeversorgung technisch, rechtlich und finanziell tragfähig ist.